8. Symposium „Jugendliches Risiko als lebenslange Verhaltenseinstellung? Zur Entwicklung des Risikoverhaltens junger Fahrerinnen und Fahrer“

Am 28.04.2026 fand an der Fachhochschule der Polizei Sachsen-Anhalt in Aschersleben das 8. gemeinsame Symposium des Bundes gegen Alkohol und Drogen im Straßenverkehr, des Ministeriums für Inneres und Sport des Landes Sachsen-Anhalt, des Ministeriums für Inneres und Sport des Landes Sachsen-Anhalt und des Ministeriums für Inneres und Sport des Landes Sachsen-Anhalt statt.

Das Symposium ging der Frage nach, ob risikobehaftete Verhaltensmuster im Straßenverkehr, die sich in jungen Jahren ausgeprägt haben, auch in späteren Lebensphasen nachweisbar sind. Oder anders gesagt: Kann die Hypothese aufgestellt werden, dass junge Fahrerinnen und Fahrer, die bereits in jungen Jahren auffälliges Verhalten im Straßenverkehr zeigen, auch in späteren Lebensphasen auffällig sein könnten? Und kann davon ausgegangen werden, dass Menschen, die in anderen Kontexten Risikoverhalten aufzeigen, auch im Straßenverkehr zu problematischem Verhalten tendieren? Wäre dies nachweisbar, könnte die Prävention neue Impulse bekommen, wie insb. bei Risikogruppen interveniert werden könnte.

Frau Kröling fokussierte auf die Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen und stellte einmal mehr heraus, dass junge Fahrende ein besonders hohes Unfallrisiko haben, das vor allem durch fehlende Erfahrung, mangelnde Routine, Selbstüberschätzung und eine erhöhte Risikobereitschaft entsteht. Ein zentraler Faktor ist der Alkoholkonsum, der bei jungen Fahrenden überdurchschnittlich häufig zu Unfällen führt. Gesetzliche Einschränkungen wie das absolute Alkoholverbot für Fahranfänger/-innen wirken zwar vorübergehend, nach deren Wegfall nimmt riskanteres Verhalten jedoch oft zu. 

Frau Kröling konnte auf Grundlage einer UDV-Studie ebenso herausstellen, dass die Motivation entscheidend für regelkonformes Verhalten ist: Während intrinsische Motive eher dauerhaft schützen, führt extrinsisch motiviertes Verhalten nach Wegfall äußerer Kontrolle häufiger zu Regelverstößen. Schließlich beeinflussen soziale Faktoren wie Freundeskreis und Gruppendruck gerade in der Adoleszenz das Fahrverhalten stark und können riskantes Verhalten zusätzlich verstärken und stabilisieren.

Herr Püchel stellte einen leichten Anstieg der Unfälle von 2023 auf 2024 in Sachsen-Anhalt heraus (+2,48 %), während schwere Folgen wie Getötete (-14,6 %) und Schwerverletzte (-5,2 %) zurückgegangen sind. Auffällig dabei ist der Anstieg von Unfällen unter Alkohol- (+5,3 %) und insbesondere Drogeneinfluss (+20 %). Junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren sind überproportional beteiligt: etwa jeder sechste Unfall betrifft diese Altersgruppe. Die Polizei reagiert darauf mit verstärkter Verkehrsüberwachung, Prävention und gezielten Kontrollmaßnahmen.

Bei Großkontrollen wurden zahlreiche Verstöße festgestellt. Besonders relevant war das Verhältnis von festgestellten Verstößen im Vergleich zu den offiziell erfassten Unfallzahlen: Alkoholauffälligkeiten traten etwa dreimal so häufig in Kontrollen wie in Unfallstatistiken auf (1:3), bei Drogen sogar 1:13. Insgesamt zeigt sich ein Verhältnis von etwa 1:4, was auf ein hohes Dunkelfeld hinweist.

Herr Dr. Jitschin konnte aufzeigen, dass insbesondere Jugendliche, Heranwachsende und junge Erwachsene bei typischen Straßenverkehrsdelikten wie Alkoholfahrten, Fahren ohne Fahrerlaubnis oder Unfallflucht überrepräsentiert sind. Dabei dominieren männliche Täter deutlich, während Frauen insgesamt eine geringere Rolle spielen. Verkehrsdelikte machen mit rund einem Fünftel einen erheblichen Anteil aller Verurteilungen als Straftat oder OWi aus. Rechtliche Unsicherheiten bestehen derzeit noch im Umgang mit E-Scootern, insbesondere bei alkoholbedingten Verstößen.

Die zitierte empirische Untersuchung von Reiff zeigt, dass Verkehrsstraftäter insgesamt seltener rückfällig werden als andere Straftäter, Rückfälle jedoch meist wieder Verkehrsdelikte betreffen. Während die allgemeine Kriminalität mit dem Alter abnimmt, bleibt das Risiko im Straßenverkehr relativ konstant, was auf stabile Verhaltensmuster hindeutet. Zudem sind Frauen deutlich seltener rückfällig und die Staatsangehörigkeit hat keinen Einfluss. Insgesamt unterstreicht die Kombination aus rechtlichen und empirischen Erkenntnissen die besondere Dynamik und Beständigkeit riskanten Verkehrsverhaltens.

Die Ausführungen von Herrn Dr. Brieler machten deutlich, dass auffälliges Verhalten im Straßenverkehr häufig kein kurzfristiges Fehlverhalten ist, sondern oft mit stabilen Persönlichkeitsmerkmalen, verfestigten Denkmustern und erlernten Gewohnheiten korreliert. Faktoren wie Impulsivität, Selbstüberschätzung, geringe Risikowahrnehmung sowie soziale Einflüsse und motivationsbezogene Bedürfnisse tragen dazu bei, dass riskantes Verhalten langfristig stabil bleibt und auch durch Sanktionen oft nicht nachhaltig verändert wird. Die hohe Rückfallquote bei Verkehrsdelikten und ein geringer Anpassungswille trotz negativer Konsequenzen unterstreichen diese Stabilität. 

Dr. Paul Brieler konnte in seinem Vortrag unterstreichen, dass wirksame Prävention und Intervention über reine Strafmaßnahmen hinausgehen muss und insbesondere mehr verkehrspsychologische Ansätze, verbesserte Diagnostik sowie konsequente Kontrolle erforderlich sind, um nachhaltige Verhaltensänderungen zu erreichen und Rückfälle deutlich auf unter 10% zu reduzieren.

Daraus lassen sich mehrere zentrale Erkenntnisse ableiten. 

  • Großkontrollen sind ein wirksames Instrument der Verkehrssicherheit, die Dunkelfelder aufdecken können. Alkohol- und Drogenfahrten finden häufiger statt, als es die Unfallzahlen widerspiegeln.
  • Prävention muss frühzeitig ansetzen, idealerweise bereits vor der Fahrausbildung, um klare Normen wie die konsequente Trennung von Alkohol und Fahren zu etablieren. Die Wirksamkeit präventiver Maßnahmen sollte immer hinterfragt und mitgedacht werden.
  • Dabei ist es wichtig, die intrinsische Motivation zu stärken, etwa durch die Förderung von Risikobewusstsein, Verantwortungsgefühl und Selbstkontrolle.
  • Soziale Einflüsse sollten stärker berücksichtigt werden, indem Strategien zum Umgang mit Gruppendruck vermittelt und positive Vorbilder gefördert werden.
  • Darüber hinaus erscheint eine Weiterentwicklung bestehender Maßnahmen sinnvoll, etwa durch eine mögliche Ausweitung des Alkoholverbots oder eine Erhöhung der Kontrolldichte. 
  • Aus juristischer Perspektive sollte der Fokus auf männliche Risikogruppen und auf Personen mit problematischem Konsumverhalten gerichtet werden.
  • Ergänzend dazu sollten verkehrspsychologische Interventionen, wie Trainings und Seminare zur Verhaltensänderung, weiter ausgebaut bzw. deren Regeln der obligatorischen Teilnahme weiter verschärft werden. 
  • Schließlich ist es wichtig, attraktive Alternativen zum Fahren unter Alkoholeinfluss zu schaffen, um sogenannte Trink-Fahr-Konflikte zu reduzieren.

Abschließend lässt sich festhalten, dass jugendliches Risikoverhalten im Straßenverkehr die Gefahr in sich birgt, sich zu einem stabilen und langfristigen Verhaltensmuster zu entwickeln. Eine nachhaltige Verbesserung der Verkehrssicherheit erfordert daher nicht nur Regeln und Sanktionen, sondern vor allem eine gezielte Beeinflussung von Einstellungen, Motivation und sozialen Rahmenbedingungen, die in Prävention und Intervention wirksam und effektiv eingebunden werden müssen.

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